Mittwoch, 28. Oktober 2015

EIN BUNTES CHAOS

Korea. Sommerferien. 39 Grad. Ich sitze im Bus, auf dem Weg ins Stadtzentrum. Die Vorfreude auf den bevorstehenden Shoppingmarathon ist riesig. Die Matura (das Schweizer Abitur) in der Tasche, vier strenge Jahre hinter mir, das Spanischdiplom geschafft - diese Ferien habe ich mir verdient. Der Bus hält an einer roten Ampel an, direkt neben einem Café. Im Schaufenster steht gross geschrieben: Fear Kills More Dreams Than Failure Ever Will. Ich sitze in meinem kleinen Sitz, das Fenster weit aufgerissen, um der stickigen und heissen Luft im Bus zu entkommen und starre diese acht Wörter an. Ich lese  noch einmal Wort für Wort, was sie auf das Schaufenster geschrieben haben.  Der Bus fährt weiter während ich diesen einen Satz immer und immer wieder in meinem Kopf wiederhole. Fear kills more dreams than failure ever will. The fear of failure. Die Angst zu versagen.
Da ich befürchte diesen Satz wieder zu vergessen, notiere ich ihn mir in meinem I Phone – wäre nicht nötig gewesen. Denn bis heute schwirrt er noch in meinem Kopf herum, das Bild des Cafés konnte ich nicht vergessen.

Wie viele Gelegenheiten haben wir verpasst etwas total Dämliches zu machen, uns zu verbessern, zu lernen, jemanden anzusprechen - zu erleben. Und das nur, weil wir Angst hatten? Sollten wir uns so einschränken lassen? Nein. Sollten wir nicht. Aber das tun wir leider viel zu oft. 
Ein gewisser Grad an Angst ist gut - oder nennen wir es lieber Vorsicht. Es hält uns davon ab, als völlig verlorene und naive Geschöpfe in der Welt herumzuirren. Aber diese Vorsicht kann oft zur zwanghaften Kontrolle werden, die unser Leben einschränkt, uns die schönen Dinge im Leben enthält.

Die Angst zu versagen bestimmt zu oft wie wir uns entscheiden. Viel zu oft. Jemand stellte mir mal die Frage, was ich tun würde, wenn ich wüsste, dass ich nicht versagen könnte. 
Ich wusste keine Antwort darauf. Wie könnte ich auch? Es ist unmöglich nicht zu versagen. Wüsste ich aber zu hundert Prozent - nein, lieber zu zweihundert Prozent, -  dass ich nicht versagen könnte, würde ich wahrscheinlich alles tun, was ich in meinen tausend Tagebüchern begraben habe. Viel zu oft habe ich unterdrückt, ignoriert, was ich sagen oder tun wollte. Ihn ansprechen? Nein, er könnte mir einen Korb geben. Der Professorin widersprechen? Nein, ich könnte falsch liegen. Einen Blog anfangen? Nein, ich könnte versagen.

Im Gymnasium hatte ich einen geregelten Tagesablauf, jede Woche war gleich. Jeden Tag sah ich die selben Menschen. Meine Schulklasse, meine Lehrer. Ich lebte in einer sicheren Welt, hatte mir Schutzmauern aufgebaut. Aus dieser Welt heraustreten? Niemals! Ich liess nicht viele Menschen diese Schutzmauern durchbrechen, die mein Innerstes beschützten. Hat es jemals irgendjemand geschafft? Ich bezweifle es.
Ich kontrollierte mein Leben, mein Leben kontrollierte mich. Klar, ich hatte Träume, Wünsche. Doch fehlte es mir immer an Mut, diese auch wirklich auszuleben. Oder einfach mal zu versuchen. Aus meinen Schutzmauern herauszubrechen. Mich der Welt zu stellen und auch mal etwas zu riskieren.  Zu riskieren verletzt zu werden - abgelehnt. Versagen war für mich ein Fremdwort. Nicht, weil ich alles erreichte, was ich wollte– nein, schön wär’s. Ich konnte nicht versagen, weil ich nie etwas riskierte.

Versagen ist kein schönes Gefühl, wer mag es schon. Aber sieht man sich die erfolgreichen Stars, Blogger, Manager oder auch nur unsere Eltern an, sehen wir, dass sie sich von dieser Angst nicht einschüchtern liessen. Der Sänger hat wahrscheinlich öfter versagt als gewonnen. Unendlich viele Absagen von Plattenfirmen musste er einstecken, bis er endlich eine Zusage bekam. Unsere Eltern haben sich wahrscheinlich erst nach unendlich viel Trennungsschmerz getroffen, sich verliebt. Geheiratet. Erfolgreiche Blogger mussten sich hinaufarbeiten, um dort zu stehen, wo sie heute sind. Sie sind nicht erfolgreich, weil sie nie versagen. Sie sind erfolgreich, weil sie keine Angst davor haben zu versagen, zu verlieren. Einen Schritt zurückzugehen, um dann zehn Schritte vorwärts zu gehen. 

Keine Angst zu haben verhindert sicher nicht, dass man nie versagt, aber das erlaubt uns, dem Gefühl des Erfolges eine grössere Gewichtung zu geben, als dem der Angst. 
Genau wie es der Satz im Schaufenster des Cafés gesagt hatte, „killt“ die Angst mehr Träume als das Versagen an sich.
Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich die in den Tagebüchern tief begrabenen Wünsche und Träume verfolgen würde oder zumindest versuchen würde sie zu verfolgen? 

Mein Leben sähe bestimmt anders aus. Besser. Es wäre ein Chaos. Ein buntes Chaos. 

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