Samstag, 31. Oktober 2015

FEIERABEND

"Bitte lesen sie die Nachbereitende Lektüre bis nächste Woche. Wir sehen uns dann nächstes Mal zum Thema Institutionalismus". Endlich bin ich diese Schreckschraube los. Ich packe meine Sachen zusammen, verabschiede mich von meinen Freunden, ziehe meine Jacke an. Die Toiletten im Zug sind schrecklich deshalb statte ich den Toiletten in der Uni noch einen letzten Besuch ab. Ein Blick in den Spiegel...hätte ich lassen sollen. Das Augen Make-Up hängt mir bis zu den Backen runter, der Lippenstift schon von mir aufgefressen, die Haare irgendwo aber nicht an ihrem Platz. Naja, was soll's. Ich gehe jetzt sowieso nach Hause. Falsch gedacht. Auf dem Weg vom Klo zum Haupteingang - für mich nur noch der Hauptausgang - kommen mir noch diese und jene Menschen entgegen. Ein Smalltalk hier, eine Umarmung dort. Ein Blick zum hübschen Rechtsstudent, ein Winken. Und dann bin ich endlich draussen. 
Endlich an der frischen Luft. Die Blätter fallen und hüllen die Welt in eine rotbraune Welt ein. Ich liebe den Herbst. Vor allem liebe ich ihn nach einem langen Tag eingeschlossen in der Uni. 
Versteht mich nicht falsch. Es klingt so, als würde ich die Uni hassen und als würde ich jeden Tag auf das Ende des Tages warten. So ist es überhaupt nicht. Ich liebe die Uni. Ich liebe meine Freunde. Die (meisten) Vorlesungen. Nur saugt sie sehr viel Energie aus mir heraus. Und da kann man es halt kaum erwarten, wenn man endlich nach Hause kommt, in die Jogginghose schlüpft, mit einem heissen Tee ins Bett geht und die Lieblingsserie anschalten kann. Der Weg dahin ist jedoch lang. Meistens dauert sie eine Stunde. Wenn der Zug wieder Verspätung hat kann's auch mal 5 Minuten länger dauern. Überlebt man nur knapp.  
Auf dem Weg zum Bahnhof, der ungefähr 30 Sekunden dauert - einmal über die Strasse - hole ich mir noch etwas in der Bahnhofsbäckerei, um meinen knurrenden Magen zum schweigen zu bringen. Richtung Gleis 8 - es ist immer Gleis 8 - hole ich mir die "Blick am Abend" - die Populär-Zeitung, die mich jeden Abend für 15 Minuten im Zug unterhält. Ich fluche in Gedanken über die mir entgegenkommende Menschenmasse und die herumstehenden Touristen, die meinen Weg versperren. Hier und da höre ich Brocken Koreanisch. Luzern ist ein Magnet für Touristen. Umzingelt von Koreanern fühlt man sich schon fast wie in Korea. Wann ich das nächste Mal wieder in Seoul sein werde? Plötzlich wünsche ich mir, es wäre wieder Sommer, 39 Grad, in Korea. Shoppen, Eis essen, Verwandte besuchen, Freunde treffen. Doch das schmerzhafte Quietschen der Züge, die in den kalten Bahnhof einfahren, reissen mich aus den Feriengedanken heraus. 
Mit meinem Croissant, meiner 10kg schweren Schultasche und der Zeitung in der Hand mache ich mich auf den Weg zum Gleis.

Die Freude ist gross, denn der Zug, der auf mich wartet, ist ein doppelstöckiger Zug. Diese liebe ich besonders. Früher war oben zu sitzen das grossartigste. Jetzt ist es mein Alltag. Lieben tu ich es immer noch. Ich schlendere am Gleis entlang. Erste Klasse. Erste Klasse. Noch einmal erste Klasse. Ich frage mich beim vorbeigehen, was die Menschen in der ersten Klasse so erstklassig macht. Haben sie ein Unternehmen gegründet? Sind es Galeristen? Manager? Popstars? Wie cool wäre es in der ersten Klasse neben einem Sänger zu sitzen?
Da! 2. Klasse. Da kann ich rein.
Ich setzte mich in ein leeres Viererabteil. Ist eigentlich egal, ob es leer ist oder nicht. Denn so oder so wird sich der Zug in wenigen Minuten füllen. 
Ich lasse mich in den Sitz fallen. Wie viele Popos wohl schon auf diesem Sitz gesessen sind? Ob schon mal ein Sänger auf meinem Sitz gesessen ist? Nein, die fahren ja erste Klasse. Ich bin müde. Und glücklich. 
Wie vorhergesehen füllt sich der Zug. "Ist hier noch frei?" fragt mich eine leise Stimme. Ich nicke, lächle. Die alte Dame setzt sich neben mich. Ein junges Mädchen nimmt gegenüber von mir Platz. Auch der letzte Sitz in unserem Abteil findet einen passenden Popo.
Der Zug setzt sich in Gang, ich hole die Zeitung raus und überfliege die Arzikel. Aha, Wurst ist Krebserregend? Autounfall. YB verliert gegen Basel. Neuer Fifa Chef. Die unlustigen Witze. Mein Horoskop: Sei mutig. 
Ich löse das mittelschwere Sudoku in der Zeitung. Für das schwere bin ich zu schlecht. Und zu müde. Eine Stunde lang kann ich - nein, könnte ich die schöne Schweizer Landschaft betrachten. Doch nach der Uni ist vor der Uni. Und so bereite ich das Material für die nächsten Vorlesungen und Seminare vor. An entspanntem Nachhause fahren ist nicht zu denken. "Nächster Halt: Sursee" Noch 40 Minuten. Menschen steigen aus, neue steigen ein. Ich kann meine Augen kaum offenhalten. Wie lustig ich für das Mädchen gegenüber von mir aussehen muss.
"Nächster Halt: Zofingen". Noch 30 Minuten. Wieder ein Ein und Aus der Passagiere. 
Croissant! Ich habe ja ein Croissant gekauft! Meine Laune bessert sich. Meine Müdigkeit nicht. Immer noch halb im Schlaf krame ich mein Croissant heraus, beisse hinein, krümle mich voll. Ist mir egal.
Irgendwie schaffe ich es dann trotzdem einzuschlafen

"Wir treffen pünktlich in Bern auf Gleis 3 ein" Gott sei dank. Endlich zu Hause. 




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