Samstag, 14. November 2015

PRAY FOR PARIS - ONLY FOR PARIS?


Paris – Freitag der 13.

Ich liege im Bett meiner Schwester, bin kurz vor dem einschlafen. Eingekuschelt gucken wir die letzten Minuten von CSI. Der Mörder wird verhaftet, das Verbrechen aufgelöst. Die Bösen werden immer bestraft. Plötzlich werde ich überflutet mit Nachrichten: Bombenanschläge, Schiessereien. Über hundert Tote. Das ist nicht mehr CSI, das ist Realität. Paris: Stade de France, in Cafés, in einem Konzertsaal. Anschläge, Panik. Ich habe Freunde in Paris. Ich war schon einige Male dort. Eine wunderschöne Stadt – freundliche Menschen, schöne Architektur, kulturelle Vielfalt, gutes Essen. Friedlich. Und nun so etwas: Im Stadion kommt es zu mehreren Explosionen. Panik bricht aus. Im Bataclan, einem hippen Konzertsaal ist die grösste Opferzahl zu finden. Schiessereien auf offener Strasse. Vor einigen Wochen liefen Modeblogger, Models und It-Girls in ihren Louboutins über diesen Asphalt und hetzten von Show zu Show. Heute liegt Blut darauf.
Müssen wir jetzt in ständiger Angst leben? Offensichtlich ist es nicht mehr nur Angelegenheit der Politiker. Es betrifft auch – vor allem uns. Die Bevölkerung. Können wir uns vor Anschlägen wie die in New York 2011, in London 2005, in Kopenhagen 2015 oder wie die in Paris gestern Nacht schützen? Die Antwort lautet – so pessimistisch sie auch klingen mag – Nein. Das ist die Welt, meine Lieben. In so einer leben wir jetzt und der müssen wir uns stellen. Flüchtlinge, Attentate, Korruption. So weit hat es die Welt geschafft. Was jetzt noch bringt, ist Solidarität. Steht auf, gebt euch eine Stimme. Sie bringt die Opfer nicht zurück und macht nichts ungeschehen. Aber zeigt Solidarität. Das ist das, was uns Menschen zusammenhält.

© Thibault Camus/AP
Meine Gedanken sind in Paris und ich finde es schrecklich, was dort passiert ist. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich die Pariser, die Angehörigen der Opfer fühlen müssen. Frankreich ist in einem Schockzustand – aber hat jemand schon von den unzähligen Toten in Syrien gehört? Ankara? Beirut? Davon gehört ja, aber sich nicht weiter darum gekümmert. Keinen Hashtag eingeführt. War es jemals auf der Titelseite der Guardians, der NZZ, der Times? Sind die Leben der Syrer, der Türken, der Libaneser weniger Wert als die der Pariser?
Fragen, die unsere Sicht auf die Werteverteilung in der Welt infrage stellen. Schon bei Charlie Hebdo und der daraus entstandenen Bewegung #JeSuisCharlie haben sich viele gewehrt und behauptet andere Opfer zum Beispiel die von Boko Haram  in Nigeria würde niemand würdigen – ja, sogar ignorieren. Und dem musste ich zustimmen. In Paris starben im Februar elf Menschen, kurz zuvor verloren tausende Menschen, darunter viele Kinder ihr Leben in Nigeria. Es wurde von einigen Zeitungen kurz erwähnt, aber es war viel zu weit, als dass es uns in unserem schönen Europa interessiert hätte.
Paris ist nur fünf Zugstunden von meinem Zuhause entfernt. Nigeria – weiss ich gar nicht. Über zehn Stunden, viele tausend Kilometer. Paris ist viel näher an meinem Leben, ich war schon dort, bin durch die Strassen gelaufen, in denen jetzt Tote liegen. Die Bombe in Ankara mit ein Dutzend Toten, der Absturz des Flugzeugs einer russischen Fluglinie, die Attentate in Gaza, in Beirut, in Afghanistan. Kein #PrayForGaza kein #PrayForAfghanistan und auch kein #PrayForRussia. Das alles passierte nicht vor unserer Haustür, aber es passierte trotzdem.  Es darf uns nicht kalt lassen. Das sollte so eigentlich nicht sein. Darf es nicht. Ein pariser Leben ist so viel Wert wie ein syrisches, türkisches, russisches, afghanisches Leben. 

Egal was wo wann passiert und egal wie oft es in den Zeitungen erwähnt wird, zeigt Solidarität gegenüber denen, die Opfer von Attentaten waren, von Extremisten, von einer Ideologie, die von keiner Religion kommen kann. Wir können hier nicht viel bewirken, können ihre Geliebten nicht wieder zurückholen. Es ist nicht CSI. Die Bösen werden nicht immer bestraft, es gibt nicht immer ein Happy End. Das hier ist real und soll uns endlich die Augen öffnen: Das, was gestern in Paris geschah, ist in einigen Staaten schon lange Alltag. 

©Jacques Brinon/AP

©Christian Hartman/ Reuters

©Mathieu Alexandre/AFP/Getty images
©Thierry Chestnot/Getty images


1 Kommentar:

  1. Toller Post !
    Über dieses Thema kann man gar nicht genug diskutieren ! :)
    Liebe Grüße

    www.estilo-bylea.com

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